Ungefiltert – Das Schweigen der Mütter
- Mara Reinders
- 14. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ausgabe 3: Einsamkeit trotz Beziehung

Sie hat mir eine Sprachnachricht geschickt.
Man hört im Hintergrund ein Baby, das kurz jammert.
Ein tiefes Einatmen.
Dann sagt sie:
„Ich weiß nicht, ob das hier überhaupt richtig ist… aber ich halt dieses Alleinsein nicht mehr aus. Und ich bin ja nicht mal allein.“
Und genau da fängt diese Geschichte an.
Sie ist Mutter.
Seit neun Monaten.
Und sie lebt mit dem Vater ihres Kindes zusammen.
Sie sagt, nach außen sieht alles normal aus.
Wohnung. Kind. Alltag.
Kein Drama, das man jemandem zeigen könnte.
„Aber innerlich“, sagt sie, „fühlt es sich an wie eine WG. Nur ohne Rückzugsraum.“
Sie wohnen zusammen.
Sie funktionieren zusammen.
Aber sie sind nicht mehr zusammen.
„Ich hab versucht, wieder ein Wir zu finden.“
Das Baby schläft. Endlich.
Abends. Küche. Gedimmtes Licht.
Sie setzt sich bewusst zu ihm aufs Sofa.
Kein Handy. Kein Scrollen.
Ihr Knie berührt seins.
Sie sagt ruhig, fast vorsichtig:
„Ich vermiss uns. Ich hab das Gefühl, wir verlieren uns gerade.“
Er schaut nicht hoch.
Tippt noch zwei Sekunden auf dem Handy.
Dann sagt er:
„Ja… ist halt grad anstrengend mit dem Baby, ne.“
Nicht genervt.
Nicht interessiert.
Wie ein Kommentar zum Wetter.
Sie wartet.
Da muss doch noch was kommen.
Nichts.
„Aber… wir sind doch mehr als nur Eltern“, sagt sie.
Er seufzt. Laut.
Legt das Handy weg – nicht zu ihr, sondern neben sich.
„Ich weiß grad echt nicht, was du jetzt von mir willst.“
In der Sprachnachricht hört man, wie ihre Stimme bricht:
„In dem Moment hab ich gemerkt: Er hört mir zu, um zu antworten. Nicht um mich zu verstehen.“
„Ich war kurz davor zu kippen – und er hat’s einfach ignoriert.“
Ein paar Tage später.
Nachmittag.
Das Baby schreit.
Sie steht mit ihm im Flur, Tränen kurz vor knapp.
„Kannst du ihn bitte kurz nehmen? Ich brauch fünf Minuten.“
Er sitzt auf dem Sofa.
Controller in der Hand.
Schaut sie an.
„Jetzt? Ich bin mitten im Spiel.“
Sie lacht kurz. Ungläubig.
„Ich kann grad nicht mehr.“
Er sagt:
„Ja, dann leg ihn halt kurz ab.“
Leg ihn halt ab.
Als wäre das Baby ein Rucksack.
Oder ein Paket.
Sie steht da.
Das Kind schreit.
Und sie sagt nichts mehr.
„Ich hab mich umgedreht und bin gegangen“, sagt sie.
„Und ich hab gemerkt: In dem Moment war ich ihm komplett egal.“
Der Moment, in dem sie aufhört zu kämpfen
Danach versucht sie nichts mehr.
Keine Gespräche.
Keine Nähe.
Keine „Weißt du noch früher?“.
Nicht aus Trotz.
Sondern aus Selbstschutz.
„Ich hab gemerkt, dass ich mich jedes Mal ein bisschen mehr verliere, wenn ich ihm erkläre, wie allein ich mich fühle – und er mir zeigt, dass es ihn nicht erreicht.“
Sie sagt einen Satz, der bleibt:
„Ich fühl mich nicht verlassen. Ich fühl mich unsichtbar.“
Und das ist das Schweigen, über das kaum jemand spricht.
Nicht das Schweigen nach einem großen Streit.
Sondern das, das entsteht, wenn man merkt,
dass die eigene Sehnsucht niemanden mehr interessiert.
Sie will keinen perfekten Mann.
Sie will gesehen werden.
Gefragt werden.
Berührt werden – nicht nur zufällig.
„Ich will kein Drama“, sagt sie.
„Ich will mich nur nicht mehr so fühlen, als würde ich allein ein Leben tragen, das wir eigentlich teilen wollten.“
Sie weiß noch nicht, wie ihre Geschichte endet.
Ob sie bleibt.
Ob sie geht.
Ob er aufwacht.
Aber sie weiß eines:
„Ich will nicht, dass mein Kind Liebe so lernt. Dieses Nebeneinander. Dieses Nicht-Gesehen-Werden.“
Und dann sagt sie leise:
„Ich wollte einfach, dass das mal jemand hört. Ohne mir zu sagen, ich soll dankbar sein.“
Vielleicht liest du das hier
und sitzt gerade neben jemandem auf dem Sofa.
Vielleicht teilt ihr euch einen Alltag, ein Bett, ein Kind.
Und trotzdem fühlst du dich allein.
Dann ist das hier für dich:
Du bist nicht zu sensibel.
Du bist nicht anspruchsvoll.
Du bist nicht falsch.
Du brauchst Nähe.
Und das ist kein Luxus.
Das ist ein Grundbedürfnis.
Du willst, dass deine Geschichte gehört wird?
Du kannst mir jederzeit anonym schreiben oder eine Sprachnachricht schicken, an 01603056797
Deine Geschichte bleibt deine –
aber vielleicht hilft sie einer anderen Mutter, sich weniger allein zu fühlen.



Traurig aber mir nicht unbekannt