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Ungefiltert - Das Schweigen der Mütter - Leserbrief

  • Autorenbild: Mara Reinders
    Mara Reinders
  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit
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Bevor ich euch den heutigen Beitrag zeige, muss ich ehrlich sagen:

Es war schwer für mich, diese Sprachnachricht abzuhören.

Schon in den ersten Sekunden habe ich gemerkt, wie ihre Stimme gebrochen ist.

Dieses Zittern… dieses lange Ausatmen, bevor sie überhaupt ein Wort gesagt hat.


Man spürt sofort:

Da ist eine Mama, die kurz davor ist, nicht mehr zu können.

Eine Mama, die so lange stark war, dass sie jetzt kaum noch stehen kann.

Eine Mama, die sich überwinden musste, um das überhaupt auszusprechen.


Ich habe ihre Nachricht mehrfach pausiert, weil es für mich schwierig zu ertragen war, diese Mama so leidend zu hören und sie nicht mal in den Arm nehmen zu können. Aber zum Glück konnte ich doch etwas für sie tun. Ich habe ihre Geschichte aufgeschrieben um sie mit euch zu teilen.

Damit sie nicht mehr alleine schweigen muss.


"Ich wollte die Diagnose. Nicht für mein Kind - sondern für MICH."


Eigentlich wollte ich das alles nicht öffentlich machen, aber ich habe das Gefühl, wenn ich es nicht teile, dann ersticke ich irgendwann daran.


Ich bin Mama von zwei Kindern. Und ich liebe sie. Mehr als mein Leben. Aber ich bin müde. So müde, dass ich manchmal vergesse, wo ich den Schlüssel hingelegt habe… oder was ich eigentlich in der Küche wollte. Müde, wie nur eine Mutter müde sein kann, die seit Jahren im Dauerlauf ist.


Mein Sohn – nennen wir ihn Emil – ist sieben. Ein fröhlicher kleiner Tornado. Alle sagen: „Er ist halt lebhaft.“ Ich sage: Ich komme einfach nicht mehr hinterher.

Er redet viel, bewegt sich viel, braucht viel. Und ich?

Ich habe inzwischen das Gefühl, dass ich gar nichts mehr richtig mache.


Überall hörte ich Sätze wie:

„Vielleicht ist das ADHS?“


Am Anfang hat mich das verletzt.

Später… habe ich angefangen, mich daran festzuhalten.

Weil ich dachte: Vielleicht bekomme ich dann Hilfe. Vielleicht sagt dann endlich jemand: Das ist viel. Das darf überfordern.



Der Arzttermin, der mich gebrochen hat

Wir waren endlich beim Arzt.

Ich war so nervös, dass ich kaum atmen konnte.

Ich wollte Klarheit. Oder vielleicht wollte ich einfach nur, dass jemand meine Erschöpfung sieht.


Nach allen Gesprächen und Tests sagte der Arzt:


„Nein, es ist kein ADHS.

Er ist einfach sehr sensibel, sehr impulsiv, sehr fordernd.

Sie müssen mehr auf seine besonderen Bedürfnisse eingehen.“


Ich habe genickt. Gelächelt. Mich bedankt.

Wie Mütter das eben tun.


Aber kaum war ich im Auto, bin ich zusammengebrochen.

Ich habe geweint, wie ich schon lange nicht mehr geweint habe.

Weil ich plötzlich wusste: Es wird keine zusätzliche Unterstützung geben.

Keinen Stempel, der erklärt, warum es so schwer ist.

Keine Fachstelle, die uns begleitet.

Nur… ich. Und mein Kind. Und meine Erschöpfung.


Ich wollte nicht, dass mein Kind eine Diagnose hat.

Ich wollte nur nicht mehr alleine sein.


Und jetzt fühle ich mich noch einsamer als vorher.


Ich liebe meinen Sohn. Aber ich fühle mich ihm oft nicht gewachsen.

Ich hebe, trage, beruhige, erkläre, begleite – und doch habe ich ständig das Gefühl zu scheitern.


Mein Mann hilft, wenn er da ist.

Aber er ist arbeiten. Viele Stunden.

Am Ende stehe ich trotzdem da:

Mit Hausaufgaben, Wutanfällen, Einkäufen, Schulgesprächen, Terminen, schlechtem Gewissen und einem Herz, das jeden Tag ein bisschen schwerer wird.


Ich brauche Hilfe. Und ich weiß nicht, wo ich sie herbekommen soll.

Vielleicht liest das jemand, der sich ähnlich fühlt.

Vielleicht jemand, der auch gehofft hat, dass eine Diagnose Türen öffnet.

Vielleicht jemand, der gerade denkt:

„Endlich sagt es mal jemand laut.“


Ich schäme mich dafür, wie verzweifelt ich bin.

Aber ich schäme mich noch mehr dafür, dass ich glaubte, eine Diagnose würde mich entlasten.


Ich wünsche mir einfach nur jemanden, der sagt:

„Du bist nicht allein. Das ist viel. Und du machst das gut.“


Danke, dass ich das hier sagen darf.

Danke, dass ich mich nicht verstecken muss.

Danke, dass ich nicht mehr die Einzige bin, die schweigt.



 
 
 

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