Das Schweigen der Mütter
- Mara Reinders
- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit

„Manchmal fühle ich mich einfach sehr allein“
Sie hat mir eine Sprachnachricht geschickt.
Keine laute.
Keine dramatische.
Eine leise, zögerliche Nachricht – so eine, bei der man spürt, wie viel Mut es kostet, sie überhaupt abzuschicken.
Sie lebt in einem kleinen Dorf.
Man kennt sich, man grüßt sich, man weiß voneinander.
Und trotzdem kann es sich sehr einsam anfühlen.
Vor einem Jahr ist sie Mutter geworden.
Ihr Sohn ist gerade dabei, laufen zu lernen.
Die Nächte sind unruhig, die Tage fordernd.
Alles ist neu, alles braucht Kraft.
Ihr Mann arbeitet viel und lange.
Er gibt sein Bestes.
Und doch verbringt sie die meiste Zeit allein – mit all den Gedanken, all den Fragen, all den Gefühlen, die im Alltag oft keinen Platz finden.
Die Einsamkeit kommt nicht plötzlich.
Sie schleicht sich langsam ein.
Und irgendwann wird sie spürbar.
„Mir fehlt einfach eine Bezugsperson“
Sie hat eine Freundin.
Aber diese Verbindung fühlt sich nicht immer leicht an.
Manchmal ist sie unehrlich, und bemerkt, dass sie angelogen wird.
Manchmal fühlt sie sich nicht wirklich gesehen.
Und das tut weh.
Trotzdem kann sie sich nicht lösen.
Weil diese Freundin ihre einzige echte Bezugsperson ist.
Ihre Mutter ist nicht mehr da.
Zu ihrem Vater hat sie ein gutes, aber kein sehr nahes Verhältnis.
Die Schwiegermutter lebt im selben Ort – man versteht sich, doch es ist nicht die Nähe, die ihr gerade fehlt.
Was sie sich wünscht, ist jemand, der sie versteht.
Der ähnliche Erfahrungen macht.
Der zuhört, ohne zu bewerten.
Der einfach da ist.
Einsamkeit in der Mutterschaft ist real
Viele Mütter erleben genau das – und sprechen doch kaum darüber.
Weil sie dankbar sein wollen.
Weil sie denken, sie müssten stark sein.
Weil sie sich fragen, ob sie überhaupt „das Recht“ haben, sich so zu fühlen.
Dabei schließt Liebe Einsamkeit nicht aus.
Man kann sein Kind innig lieben – und sich trotzdem sehr allein fühlen.
Gerade in der ersten Zeit.
Gerade dann, wenn der Alltag sich wiederholt.
Gerade dann, wenn man nicht in einer großen Stadt lebt, sondern in einem Umfeld, in dem es wenig Austausch gibt.
Wenn Social Media die Stille füllt – aber nicht die Einsamkeit
An manchen Tagen ist es vor allem die Stille, die schwer wiegt.
Die immer gleichen Abläufe.
Die fehlende Abwechslung.
Das Gefühl, dass sich ein Tag an den nächsten reiht, ohne dass etwas wirklich Neues passiert.
Dann greift sie zum Handy.
Nicht aus Oberflächlichkeit – sondern aus dem Wunsch heraus, sich weniger allein zu fühlen.
Auf Social Media ist immer etwas los.
Dort wird gesprochen, gelacht, geteilt.
Es fühlt sich für einen Moment nach Verbindung an.
Nach Dazugehören.
Doch je länger sie schaut, desto leiser wird dieses kurze gute Gefühl.
Sie sieht andere Mütter, scheinbar mühelos, begleitet, beschäftigt.
Und obwohl sie weiß, dass diese Bilder nicht die ganze Wahrheit zeigen, beginnt in ihr etwas zu ziehen.
Ein leiser Vergleich.
Ein stilles Hinterfragen.
Und am Ende bleibt oft genau das, wovor sie eigentlich fliehen wollte:
das Gefühl, allein zu sein – und der Wunsch nach echtem Austausch.
Social Media überbrückt Zeit.
Aber es stillt keine Nähe.
Und manchmal macht es die Sehnsucht nach wirklicher Verbindung sogar noch deutlicher spürbar.
Sich Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Stärke
Nach unseren Nachrichten haben wir telefoniert.
Fast zwei Stunden lang.
Ich habe ihr zugehört.
Und ich habe ihr ans Herz gelegt, sich Unterstützung zu holen – auch außerhalb ihres direkten Umfelds.
Zum Beispiel bei der Telefon Seelsorge.
Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar:
0800 111 0 111
0800 111 0 222
116 123
Man muss nicht erst „am Ende“ sein, um dort anzurufen.
Man darf sich melden, wenn es einfach gerade zu viel ist.
Kleine Schritte aus der Einsamkeit
Ich habe ihr außerdem empfohlen, sich mit anderen Müttern zu vernetzen – auch online.
Es gibt Plattformen wie Momunity oder Peanut, auf denen Mütter sich austauschen und kennenlernen können.
Das ersetzt keine echte Nähe – aber es kann ein erster Schritt sein.
Ein Gespräch.
Ein Gefühl von: Ich bin nicht allein damit.
Manchmal entsteht daraus mehr.
Manchmal reicht schon das Wissen, verstanden zu werden.
Oder ein Eintritt in einen Mutter Kind Verein oder Kurs.
Und was ist mit der Freundin?
Auch darüber haben wir gesprochen.
Nicht jede Beziehung muss sofort beendet werden.
Aber es darf ausgesprochen werden, wenn etwas verletzt.
Man darf Grenzen setzen.
Man darf Erwartungen loslassen.
Und man darf seinen eigenen Weg finden, mit dieser Verbindung umzugehen – so, dass man sich selbst dabei nicht verliert.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest
Dann möchte ich dir sagen:
Du bist nicht falsch.
Du bist nicht undankbar.
Und du bist nicht allein – auch wenn es sich manchmal genau so anfühlt.
Einsamkeit in der Mutterschaft ist kein persönliches Versagen.
Sie ist ein Gefühl, das gesehen und ernst genommen werden möchte.
Und genau deshalb bin ich sehr dankbar – und auch ein Stück stolz –, dass diese Mutter Teil unserer Community ist.
Dass sie den Mut hatte, ihre Geschichte zu teilen.
Dass sie sich geöffnet hat, im Wissen darum, dass sie damit vielleicht auch andere erreicht.
Ich bin mir sicher, dass es vielen Müttern hier ähnlich geht.
Dass diese Gedanken keine Ausnahme sind, sondern Teil eines Schweigens, das wir langsam brechen dürfen.
Danke für dein Vertrauen.
Danke für deine Offenheit.
Und danke dafür, dass du diesen Raum mit deiner Geschichte ein Stück ehrlicher gemacht hast.



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