Unsere innere Stimme - Typen verstehen, stärken und was Kinder daraus lernen
- Mara Reinders
- 27. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Die Stimme, die bleibt
Im letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass die innere Stimme die Stimme ist,
die wir ein ganzes Leben lang hören.
Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir:
Das Thema ist zu groß, zu wichtig und zu nah dran, um es bei einem Text zu belassen.
Denn diese Stimme begleitet uns nicht nur durch Entscheidungen.
Sie begleitet uns durch Zweifel.
Durch Überforderung.
Durch Muttersein.
Durch dieses ständige „Reicht das, was ich bin?“
Und genau deshalb greife ich das Thema heute noch einmal auf.
Die innere Stimme formt unsere Realität
Unsere innere Stimme ist kein Hintergrundrauschen.
Sie ist der Filter, durch den wir unser Leben wahrnehmen.
Sie entscheidet,
ob wir einen Fehler als Lernmoment sehen
oder als Beweis dafür, dass wir versagt haben
ob wir uns selbst mit Mitgefühl begegnen
oder mit Härte
Selbstliebe beginnt nicht mit Affirmationen im Spiegel.
Sie beginnt mit dem Ton, in dem wir innerlich mit uns sprechen.
Warum wir nicht alle gleich mit uns reden
Die Forschung zeigt:
Fast jeder Mensch steht in einem inneren Dialog mit sich selbst –
aber das Ausmaß und die Art unterscheiden sich stark.
Manche Menschen hören klare Sätze.
Andere führen innere Gespräche.
Wieder andere denken kaum in Worten – oder gar nicht.
Keine dieser Formen ist besser oder schlechter.
Problematisch wird es erst dann, wenn die innere Stimme dauerhaft gegen uns arbeitet.
Verschiedene Arten innerer Stimmen
Die Pragmatiker
Sie sprechen innerlich vor allem dann, wenn ein Problem gelöst werden muss.
Sachlich. Zielorientiert. Effizient.
Stärke: Klarheit, Struktur
Herausforderung: Gefühle kommen oft zu kurz
Die Gesprächigen
Sie sind fast ständig im inneren Dialog.
Reflektieren, hinterfragen, wägen ab.
Stärke: Empathie, Tiefe
Herausforderung: Gedankenkarussell, mentale Erschöpfung
Die Zweifler
Ihre innere Stimme meldet sich ungefragt – und selten freundlich.
Sie unterbricht, bewertet, kritisiert.
Stärke: Wachsamkeit
Herausforderung: Selbstzweifel, innerer Druck
Die Wortkargen
Sie denken kaum in Sprache, sondern eher in Bildern, Gefühlen oder Zusammenhängen.
Stärke: Intuition
Herausforderung: Gefühle schwer benennbar
Menschen ohne innere Stimme
Etwa fünf Prozent der Menschen denken ohne hörbaren inneren Monolog.
Gedanken werden direkt erfasst – ohne Worte. Denken in Bildern, Konzepten, Gefühlen.
Auch das ist keine Störung, sondern eine andere Art, die Welt zu verarbeiten.
Wann die innere Stimme Hilfe braucht
Unhealthy wird es, wenn die innere Stimme:
dauerhaft abwertend ist
Angst oder Schuldgefühle auslöst
Entscheidungen blockiert
den Selbstwert untergräbt
In solchen Fällen ist es kein Zeichen von Schwäche,
sondern von Verantwortung, sich professionelle Unterstützung zu holen.
Unsere Kinder und ihre innere Stimme
Kinder kommen nicht mit einer inneren Stimme auf die Welt.
Sie entsteht durch Beziehung.
Durch Sprache.
Durch das, was sie über sich hören – und beobachten.
Ganz ehrlich:
Unsere Kinder hören nicht nur, was wir zu ihnen sagen.
Sie hören, wie wir mit uns selbst sprechen.
Drei alltagstaugliche Wege, die innere Stimme von Kindern zu stärken
1. Sprich so, wie dein Kind später mit sich selbst sprechen soll
Nicht perfekt.
Aber respektvoll.
Weniger:
„Jetzt reiß dich zusammen.“
Mehr:
„Das war gerade schwer für dich.“
2. Benenne Gefühle – auch deine eigenen
Kinder brauchen Worte für ihr Inneres.
Sätze wie:
„Ich bin gerade frustriert, weil …“
zeigen: Gefühle sind erlaubt. Und benennbar.
3. Lass dein Kind Probleme selbst lösen
Nicht sofort retten.
Nicht alles abnehmen.
Jede selbst bewältigte Herausforderung stärkt die innere Stimme, die sagt:
„Ich kann das.“
Kann man seine innere Stimme verändern?
Kurz gesagt: Ja.
Aber nicht über Nacht. Und nicht über positives Denken auf Knopfdruck.
Unsere innere Stimme ist gelernt.
Und alles Gelernte kann weiterentwickelt werden.
Nicht weg.
Nicht still.
Sondern anders.
Die innere Stimme „verbessern“ – was heißt das überhaupt?
Es bedeutet nicht:
immer freundlich zu sich zu sein
nie zu zweifeln
sich selbst ständig zu loben
Es bedeutet:
die eigene innere Stimme zu erkennen
sie einzuordnen
und bewusst zu entscheiden, wann man ihr folgt – und wann nicht
Was wirklich hilft – je nach Typ
Für die Pragmatiker
„Ich rede nur mit mir, wenn es nötig ist.“
Herausforderung:
Gefühle werden oft übergangen, weil sie „nicht praktisch“ erscheinen.
Hilfreich ist:
Gefühle bewusst in Worte fassen, auch wenn es sich ungewohnt anfühlt
sich regelmäßig fragen:
„Wie geht es mir gerade – nicht nur, was ist zu tun?“
Ziel:
Die innere Stimme darf nicht nur lösen, sondern auch halten.
Für die Gesprächigen
„Ich rede ständig mit mir – manchmal zu viel.“
Herausforderung:
Gedanken drehen sich im Kreis, Ruhe fehlt.
Hilfreich ist:
dem inneren Dialog Pausen zu erlauben
Gedanken aufzuschreiben, statt sie endlos zu denken
sich bewusst zu sagen:
„Ich muss diesen Gedanken nicht jetzt lösen.“
Ziel:
Nicht jede innere Stimme braucht Aufmerksamkeit.
Für die Zweifler
„Meine innere Stimme ist oft hart.“
Herausforderung:
Der innere Kritiker ist laut und überzeugend.
Hilfreich ist:
die Stimme zu personifizieren
(z. B. „Das ist gerade mein Kritiker, nicht die Wahrheit“)
sich zu fragen:
„Würde ich so mit meiner besten Freundin sprechen?“
Ziel:
Die Stimme verliert Macht, wenn sie nicht mehr ungeprüft geglaubt wird.
Für die Wortkargen
„Ich denke kaum in Worten.“
Herausforderung:
Gefühle sind da, aber schwer greifbar.
Hilfreich ist:
alternative Ausdrucksformen: Bewegung, Zeichnen, Schreiben ohne Ziel
dem Körper zuzuhören, statt dem Kopf
Ziel:
Selbstliebe braucht nicht immer Sprache.
Für Menschen ohne innere Stimme
„Ich denke ohne inneren Monolog.“
Herausforderung:
Selbstreflexion fühlt sich manchmal abstrakt an.
Hilfreich ist:
Gedanken durch Fragen von außen strukturieren
Gespräche, Journaling oder Coaching
Gefühle bewusst wahrnehmen und benennen
Ziel:
Die Beziehung zu sich selbst entsteht nicht über Worte, sondern über Bedeutung.
Ein wichtiger Gedanke zum Schluss
Die innere Stimme wird nicht besser,
weil wir sie kontrollieren.
Sie wird besser,
wenn wir lernen, ihr zuzuhören, ohne ihr alles zu glauben.
Vielleicht ist Selbstliebe genau das:
Nicht nett zu sich zu sein.
Sondern ehrlich.
Und freundlich genug, um sich nicht selbst zu verletzen.



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