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Warum Frechheit siegt –und warum wir auf keinen Fall alle frech sein dürfen

  • Autorenbild: Mara Reinders
    Mara Reinders
  • 21. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit


Frech sein.

Allein das Wort löst schon Schnappatmung aus.

Frech = ungezogen, laut, respektlos?

Oder vielleicht einfach nur: ehrlich, mutig, unbequem?


Ich sag’s direkt:

Meine Frechheit hat mir im Leben mehr Türen geöffnet als jede perfekte Bewerbung, jedes brave Nicken und jedes „Ach, ist schon okay“.

Und ja – sie hat mir auch die ein oder andere Tür vor der Nase zugeschlagen.

Aber ganz ehrlich? Ohne meine Frechheit wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Und vor allem nicht der Mensch, der ich heute bin.


Und ich bin mir ziemlich sicher:

Diese Frechheit ist mir nicht nur angeboren.

Sie wurde mir auch anerzogen.

Danke Mama!




Frechheit ist manchmal einfach Vererbung mit Ansage


Wenn ich an meine Mutter denke, wird mir einiges klar.

Sie war frech.

Nicht böse. Nicht respektlos.

Sondern laut, präsent, unbequem, klar. Und eine Frau die oft und gerne ihre eigenen Regeln machte.


Und jetzt kommt der Aha-Moment:

Sie hatte drei Brüder.

Muss ich noch mehr sagen?

Wer sich da nicht durchsetzt, geht unter.

Frechheit war bei ihr kein Charakterfehler – es war Überlebensstrategie.


Und genau dieses Vorbild hatte ich mein ganzes Leben lang vor der Nase.

Ich hab gesehen:

Mit Frechheit kommt man weit.

Mit Klarheit kommt man weiter.

Und mit Selbstvertrauen kommt man dahin, wo andere sich nicht mal hintrauen zu fragen.




Frechheit ≠ Arschlochsein


Ganz wichtig.

Es gibt verschiedene Arten von Frechheit.


Meine?

Die hängt ganz eng zusammen mit meiner direkten, ehrlichen Art.

Ich sag, was ich denke.

Ungefiltert. Roh. Echt.


Natürlich kommt damit nicht jeder klar.

Gerade Menschen, die mich neu kennenlernen, brauchen manchmal… einen Moment.

Oder zwei.

Oder ein Glas Wein.


Ich taste mich ran.

Ich prüfe:

Wie ehrlich darf ich sein?

Wie „dreckig“ darf ich formulieren?

Wie viel Wahrheit hält mein Gegenüber aus?


Und ja – ich kann Menschen schnell lesen.

Das war schon immer so.

Aber mein Job hat dieses Talent nochmal ordentlich geschärft.

Ich sehe schnell, wer mir gegenübersteht, wie tickt, was geht – und was nicht.


Und je älter ich werde, desto weniger habe ich Lust, meine Meinung hinterm Berg zu halten.

Warum auch?

Dieses ständige Runterschlucken macht krank.

Und vor allem: unehrlich.


Neulich erst auf einer Party:

Ich treffe jemanden, der bei fast jedem Satz von mir aussah, als hätte ich ihm gerade das Leben erklärt.

Verwundert. Begeistert.

Kurz davor, mir Applaus zu geben.


Und da hab ich wieder gedacht:

Warum trauen sich so wenige, einfach die Wahrheit zu sagen?

Nicht nur zu Familie und Freunden – sondern generell?


Oder ist das so ein deutsches Ding?

Dieses:

„Hey, wie geht’s dir?“

„Gut.“

(Obwohl innerlich alles brennt.)




Mein Mann – der lebende Gegenentwurf zu mir


So richtig klar wurde mir meine Frechheit übrigens erst durch meinen Mann.


Er kommt aus einem komplett anderen Elternhaus.

Andere Erziehung. Andere Werte. Andere Energie.


Er ist…

der Mensch den du findest, wenn du bei Wikipedia „guter Mensch“ eingibst.


Liebevoll.

Einfühlsam.

Rücksichtsvoll.


Seine Aura ist warm.

Man fühlt sich sofort wohl bei ihm.

Annehmbar. Sicher.


Und gerade in unserer Kennenlernphase habe ich oft gespürt – und auch gehört –

wie ruppig ich wirken kann.

Wie direkt. Wie kantig.


Durch ihn habe ich gelernt, meine Frechheit feiner zu steuern.

Nicht abzulegen – sondern bewusst einzusetzen.

Gerade im Umgang mit ihm.


Und das war ein Lernprozess.

Aber einer, den ich liebend gern gegangen bin.

Weil dieser Mensch mir so viel gezeigt hat –

und weil es unfassbar spannend ist, die Welt durch seine Augen zu sehen.


Seine Eltern haben großartige Arbeit geleistet.

Sie haben darauf geachtet, dass Verhalten „tufte“ ist.

Dass man achtsam miteinander umgeht.

Und ja: Das Ergebnis kann sich sehen lassen.




Frechheit hat mir Jobs, Geld und Möglichkeiten gebracht


Jetzt mal Butter bei die Fische.


Beruflich hat mir meine Frechheit Türen und Tore geöffnet.


Thema Gehaltsverhandlungen.

Thema Jobeinstieg.


Ich war jung.

Kaum aus der Ausbildung raus.

Ein Jahr Berufserfahrung im Einzelhandel.


Und was hab ich gemacht?

Mich frech auf eine Filialleitung beworben.


Nicht stellvertretend.

Nicht „erst mal schauen“.

Nein.

Ich wollte führen. Punkt.


Und ich bin genau so in diesen Job gegangen:

Mit Selbstverständlichkeit.

Mit Entschlossenheit.

Mit dieser inneren Haltung: Warum eigentlich nicht ich?


Und ich habe den Job bekommen.


Und weißt du, was ich immer getan habe?

Jedes Jahr.

In jeder Firma.


Ich habe nach mehr Geld gefragt.


Ohne Scham.

Ohne Zittern.

Ohne dieses typische „Ist ja nur eine Frage…“.


Und selten war die Antwort Nein.

Warum?

Weil Unternehmen Angst haben, gute Leute zu verlieren.


Und hier kommt der Punkt, der mir wirklich wichtig ist:

Frechheit ist oft einfach Selbstvertrauen.


Und Menschen ohne Selbstvertrauen können diese Frechheit gar nicht zeigen.


Gerade Frauen haben hier ein riesiges Problem.

Uns wurde beigebracht, dankbar zu sein.

Leise. Anpassungsfähig. Bescheiden.


Dabei sollten wir uns nehmen, was uns zusteht.

Nicht bitten.

Nicht hoffen.

Sondern klar sagen.


Und auch hier:

Danke Mama.

Für dein freches Naturell, das du mir vorgelebt hast.





Mein Kind – 2,5 Jahre und schon frech


Ich bin fest davon überzeugt, dass Frechheit nicht nur eine Frage der Gene ist.

Ja, sie spielt da mit rein – ganz klar.

Aber Frechheit entsteht auch durch Persönlichkeit, Umfeld, Vorbilder und Gegenspieler.


Mein Kind ist zweieinhalb Jahre alt.

Und ja: sie ist frech.

Nicht respektlos, nicht böse – sondern klar, präsent, durchsetzungsstark.

Innerlich muss ich in solchen Momenten Grinsen und erkenne mich selbst in ihr wieder. Ob es meiner Mutter mit mir auch so ergangen ist?! Ich glaube schon.


Aber ich weiß:

Diese Frechheit wird ihr helfen.

Wenn sie gut begleitet wird.

Wenn sie lernt, sie bewusst einzusetzen.

Und das wieder rum macht mich sehr stolz.


Denn da ist ja noch mein Mann.

Der komplette Gegenentwurf zu mir.


Liebevoll. Ruhig. Feinfühlig.

Kein Drängen, kein Lautsein, kein „Ich zuerst“.

Und genau deshalb bin ich mir fast sicher:

Wenn man zwei so unterschiedliche Charaktere mischt, kommt kein zweites identisches Kind dabei raus.


Ich bin ja gerade schwanger –

und ich spüre jetzt schon diese Überzeugung in mir,

dass dieses nächste Kind vermutlich ganz andere Züge mitbringen wird.

Mehr von meinem Mann.

Ruhiger. Weicher. Ausgleichender.


Und ehrlich gesagt:

Ich finde diesen Gedanken wunderschön.


Denn ich glaube, jedes freche Naturell braucht im Leben einen Gegenspieler.

Jemanden, der erdet.

Der ausgleicht.

Der nicht gegenhält, sondern auffängt.


Mein Mann hingegen ist Einzelkind.

Kein Gegenspieler.

Kein permanentes Kräftemessen.

Kein Lauter-sein-müssen.

Und ich glaube wirklich, dass genau das mit seiner fehlenden Frechheit zusammenhängt.

Nicht im negativen Sinne –

sondern als Erklärung für diesen ruhigen, ausgeglichenen Charakter,

der diese Eigenschaft schlicht nie gebraucht hat.


Vielleicht ist genau das das Spannende:

Dass unsere Kinder nicht unsere Kopien sind,

sondern Mischungen aus allem, was wir mitbringen –

und aus dem, was sie selbst daraus machen.




Warum Frechheit siegt – und trotzdem nicht jeder frech sein darf


Und jetzt kommt der Twist.

So sehr ich meine Frechheit feiere:

Wenn alle frech wären, wäre das Zusammenleben die Hölle.


Frechheit funktioniert auch deshalb,

weil es viele Menschen gibt, die liebevoll sind.

Vorsichtig. Rücksichtsvoll.


Wir brauchen diese Menschen.

Dringend.

Wir brauchen Menschen, die auffangen.

Die zuhören.

Die weich sind.


Und wir brauchen Menschen, die Klartext reden.

Die anecken.

Die Dinge aussprechen.

Die Mischung macht’s.


Auch ich muss – trotz frechem Naturell –

achtsam mit meinen Mitmenschen umgehen.

Nicht jede Wahrheit muss mit dem Presslufthammer kommen.



Und zum Schluss: meine Frechheit ist mein Markenzeichen


Am Ende ist meine Frechheit genauso ein Teil von mir

wie meine Locken.


Beides kann man nicht bändigen.

Beides lebt manchmal ein Eigenleben.

Und beides macht mich genau zu der Person, die ich bin.


Meine geliebte Oma Käthe hat schon immer gesagt:

„Krause Haare, krauser Sinn – innen steckt der Deuwel drin.“

Und ja – nur der Vollständigkeit halber:

Natürlich hatte sie selbst Locken.

Und natürlich war sie auch frech.

Das erklärt im Nachhinein einiges.


Frechheit ist für mich kein Makel.

Sie ist mein Markenzeichen.

Mein Motor.

Mein Türöffner.


Und trotzdem wünsche ich mir für euch alle keine radikale Frechheit,

sondern eine gesunde Portion davon.

Genug, um für euch einzustehen.

Genug, um ehrlich zu sein.

Genug, um euch zu nehmen, was euch zusteht.


Aber bitte nicht zu viel.

Sonst komme ich mit meiner Frechheit am Ende auch nicht mehr durch!


Eure Mama, die es eben doch manchmal besser weiss.







 
 
 

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Gast
21. Dez. 2025
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Mir aus der Seele gesprochen!

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