Warum ich Weihnachten hasse - und warum das völlig okay ist
- Mara Reinders
- 19. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Eine Grinch-Mama, der Einzelhandel und die große Lüge von der Besinnlichkeit
Ich sag’s jetzt einfach, wie es ist:
Ich bin kein Weihnachtsmensch.
Ich versuche es jedes Jahr. Wirklich.
Aber irgendwo zwischen Lichterkette Nummer fünf, emotionalen Erwartungen und „Das muss doch jetzt schön sein!“ verliere ich regelmäßig die Nerven – und den Glauben an die Menschheit.
Und nein, ich bin nicht verbittert geboren worden.
Das kam schleichend.
Früher war Weihnachten wirklich magisch
Als Kind habe ich Weihnachten geliebt.
Dieses warme, sichere Gefühl. Familie. Zusammengehörigkeit.
Alles war irgendwie… rund.
Dann kam die Scheidung.
Plötzlich war Weihnachten kein gemeinsames Fest mehr, sondern ein logistisches Projekt mit emotionalem Beipackzettel.
Mama oder Papa?
Erster oder zweiter Feiertag?
Und dieses ganz leise Schuldgefühl, das keiner laut ausspricht – aber alle spüren.
Meine Eltern haben ihr Bestes gegeben. Wirklich.
Sie haben uns nie das Gefühl gegeben, wir würden jemanden „alleine lassen“.
Aber Kinder merken trotzdem, wenn etwas anders ist.
Und so hat Weihnachten ganz leise angefangen, sich… kompliziert anzufühlen.
Und dann kam der Einzelhandel – der Endgegner jeder Weihnachtsromantik
Ich habe 16 Jahre im Einzelhandel gearbeitet.
Große Läden. Große Städte. Große Erwartungen.
Zuletzt zehn Jahre in einem dieser riesigen Einkaufstempel in NRW, Name unnötig - wer ihn kennt, weiß es. In denen es übrigens mehr nach Nervenzusammenbruch als nach Zimtstern riecht.
Dort beginnt Weihnachten bereits am 31. Oktober.
Nicht mit Vorfreude, sondern mit:
Dauerbeschallung durch Weihnachtsmusik
Deko, die dich täglich anschreit
Menschenmassen, die sich von Woche zu Woche aggressiver und unmenschlicher entwickeln
Je näher der 24. rückt, desto weniger Menschlichkeit bleibt übrig.
Ich habe Kund:innen erlebt, die:
mich angeschrien haben, weil ein Artikel ausverkauft war
mir vorgeworfen haben, ich würde ihnen „Weihnachten ruinieren."
völlig ernsthaft sagten: „Dafür bezahle ich Sie doch.“ Spoiler: Nein.
Tut ihr nicht.
Und ja:
Das hat das alles hat mich Nachhaltig geschädigt. Wie genau erzähle ich gerne an anderer Stelle.
Die Männer-am-24.-Dezember-Story (ein Klassiker)
Und dann gibt es sie.
Die Männer am 24.12., 14:37 Uhr. (Immer wieder jedes Jahr, und nicht nur einer - sondern, dies sind ausschließlich die Kunden die an diesem Tag beraten werden)
Schweißnass. Panisch. Blick wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
„Ich brauch noch schnell was für meine Frau. Aber bitte was Persönliches.“
Persönlich.
Am 24.12.
Nachmittags.
„Was mag sie denn?“
– „Weiß ich nicht.“
„Welche Größe?“
– „Ähm.“
„Farbe?“
– „Egal, Hauptsache sie freut sich.“
Und während ich innerlich meine Seele langsam den Körper verlassen sehe, stehe ich da, lächle professionell und denke mir:
Bruder, wenn du es nicht weißt – warum soll ich es wissen?
Aber klar.
Ich rette Weihnachten.
Wie jedes Jahr.
Beruflicher Druck + privater Weihnachtsstress = perfekte Eskalation
Während ich im Job Umsätze, Budgets, Personalausfälle und Kundenausraster jongliere, läuft privat parallel:
Geschenke organisieren
Erwartungen erfüllen
Familie koordinieren
gute Laune haben (!!!)
Und genau da beginnt diese große Weihnachtslüge:
„Jetzt müssen wir aber glücklich sein.“
Warum eigentlich?
Warum glauben wir ernsthaft, dass ein Datum alte Konflikte auf Pause setzt?
Weihnachten 2023 – und die Sache mit der Weihnachtsleiter
Kurz vor Heiligabend sind wir ins Haus gezogen.
Baustelle. Kartons. Chaos. - ihr kennt das.
Ich wollte trotzdem Weihnachten bei uns feiern.
Aber klar war:
Es wird nicht perfekt.
Jeder bringt was mit.
Jeder übernimmt Verantwortung.
Mein Mann und ich hatten null Weihnachtsstimmung – also haben wir improvisiert.
Unser Weihnachtsbaum war eine Baustellenleiter.
Dreckig. Bemalt. Mit Lichterkette, Kugeln, Stern und Lametta.
Wir fanden sie großartig.
Endlich mal kein Zwang, keine Perfektion.
Und meine Familie?
Dieser empörender Blick, als sie die Weihnachtsleiter sahen. Wir fanden es lustig, sie leider alles andere als das. Als hätten wir ihr magisches Weihnachtssymbol entweiht.
Mein Bruder meinte dann noch zu mir, ich würde „nicht genug leisten“.
Und BOOM – willkommen im traditionellen Weihnachts-Wortgefecht unter Geschwistern.
Laut. Emotional. Ehrlich.
Nicht schön, aber auch nicht ungewöhnlich.
Weihnachten, wie es leibt und lebt.
Warum erwarten wir eigentlich, dass an Weihnachten plötzlich alles anders ist?
Diese Frage stelle ich mir jedes Jahr wieder.
Warum arbeiten wir den ganzen Dezember auf diesen einen Abend hin?
Warum erwarten wir, dass:
Gespräche plötzlich harmonisch sind
alte Konflikte Pause machen
Menschen sich verändern, nur weil Lametta am Baum hängt?
Am Ende sitzen wir doch mit derselben Familie unterm Baum wie sonst auch.
Mit denselben Themen.
Denselben Dynamiken.
Denselben Triggern.
Und sind dann enttäuscht, dass Weihnachten…
nun ja…
nicht magisch heilt.
Und jetzt ist da mein Kind
Meine Tochter wird größer.
Dieses Jahr versteht sie Weihnachten wahrscheinlich zum ersten Mal richtig.
Und plötzlich ist da wieder etwas Neues:
Staunen
kleine Rituale
echte Vorfreude
Ich spüre den Druck noch.
Aber ich spüre auch Dankbarkeit.
Dass ich nicht mehr im Weihnachtsgeschäft stecke.
Dass ich Weihnachten langsam neu lernen darf.
Und ja – unsere Familie wächst.
(kleiner Blick Richtung Babybauch)
Vielleicht wird Weihnachten irgendwann weicher für mich.
Vielleicht bleibt es ambivalent.
Beides darf sein.
Vielleicht geht es gar nicht darum, Weihnachten zu „retten“
Vielleicht geht es gar nicht darum, Weihnachten endlich richtig zu machen.
Oder harmonisch.
Oder perfekt.
Vielleicht müssten wir einfach aufhören, so zu tun, als müsste sich an einem einzigen Abend plötzlich alles ändern – nur weil Lametta am Baum hängt und ein großes Essen auf dem Tisch steht.
Können wir das nicht normalisieren?
Dass Weihnachten für viele einfach… anstrengend ist?
Dieser Druck entsteht ja nicht aus dem Nichts.
Wir zählen einen Countdown .
Von 1 bis 24.
Jeden Tag ein bisschen mehr Erwartung.
Ein bisschen mehr Vorbereitung.
Ein bisschen mehr „Jetzt muss es aber schön werden“.
Und am Ende?
Sind es ein paar Stunden.
Oft gehetzt.
Zwischen einem Familientermin und dem nächsten.
Mit Menschen, die wir lieben – aber mit denen wir auch sonst nicht immer konfliktfrei durch einen Abend kommen.
Warum erwarten wir also ausgerechnet an Weihnachten ein Wunder?
Vielleicht wäre es gesünder, die Erwartungshaltung ein kleines Stück runterzudrehen.
Nicht alles lösen zu wollen.
Nicht alles zu kitten.
Nicht alles schönzureden.
Vielleicht dürfen wir akzeptieren, dass:
alte Dynamiken nicht verschwinden
Beziehungen nicht plötzlich leichter werden
und Gefühle sich nicht per Datum steuern lassen
Und vielleicht liegt genau darin die Entlastung.
Nicht in mehr Lichtern.
Nicht in besserem Essen.
Nicht in perfekter Stimmung.
Sondern in dem Gedanken:
Es ist okay, wenn Weihnachten einfach nur ein Tag ist.
Ein Tag mit Geschichte.
Mit Emotionen.
Mit Ecken und Kanten.
Und manchmal auch mit Streit.
Wenn wir das normalisieren würden –
den Druck rausnehmen,
die Erwartungen absenken,
den Countdown nicht als Zielgerade zur Glückseligkeit sehen –
dann wäre vielleicht genau das der erste Schritt zu einem entspannteren Weihnachten.
Nicht schöner.
Aber ehrlicher.
Und vielleicht reicht das schon.



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